Auf der Suche nach dem „Ich“: Erste Schritte aus dem Schatten

Auf der Suche nach dem „Ich“: Erste Schritte aus dem Schatten

24. November 2023 0 Von Eckhard Neuhoff

Wer oder was definiert eigentlich, wer ich tatsächlich bin und welche Eigenschaften mich als Individualität, als Eckhard ausmachen?

Über einen sehr langen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten habe ich es zugelassen (weil ich es nicht besser konnte und wusste), dass ich mich selbst hauptsächlich über meine (tatsächlichen und vermeintlichen) Einschränkungen, meine psychischen Erkrankungen und meine Vergangenheit definiert habe. Dabei wurden mein Selbstbild und meine Selbstwahrnehmung überwiegend von meinen psychiatrischen Diagnosen, wie Depressionen und diversen „Persönlichkeitsstörungen“ -zuletzt und aktuell einer „Borderline-Störung“-, sowie wegen meiner von vermeintlichem Scheitern und von „Misserfolgen“ geprägten Vergangenheit, starken und fest in mir verwurzelten Scham- und Schuldgefühlen bestimmt. Ganz besonders gilt dies für die letzten Wochen und Monate, während derer ich mich auf sehr schmerzhafte und bedrückende Weise als hilfloser Gefangener meiner düsteren Seite, starker und nicht zu kontrollierender Emotionen, und meiner heftigen Depressionen gefühlt und erlebt habe.

Erst jetzt wird mir allmählich bewusst, dass diese ausgesprochen negative und hoffnungslose Sicht auf mich selbst, ihrem Ursprung nach gar nicht von mir stammt, sondern dass ich diese unbewusst aus meiner von seelischer Gewalt, emotionaler Manipulation und Vernachlässigung geprägten Kindheit ungeprüft übernommen und mitgenommen habe. Denn es war meine mittlerweile verstorbene Mutter, die mir – mit den zunehmenden Konflikten in meiner Kindheit und Jugend – das Selbstbild eines „labilen“ jungen Menschen buchstäblich eingeimpft hat, dem aufgrund seiner zahlreichen Lügen und Diebstähle und wegen seines vermeintlich widersprüchlichen Charakters nicht zu trauen ist und der, moralisch betrachtet, schlichtweg nichts taugt. Anstatt Anerkennung, Wertschätzung und seelische Stärkung zu erfahren, erfuhr und erlebte ich so überwiegend Misstrauen, massive Angst vor Strafe, und starke Zweifel an meinem grundsätzlichen Wert als Mensch.

Dieses so grundlegende Misstrauen und moralische Abwerten meiner Individualität begleitet und prägt mich bis heute so sehr, dass es mir nur schwer gelingt, meine eigenen Begabungen und Stärken, über die ich auch für mich selbst unbestreitbar verfüge, selbst wertzuschätzen und anzuerkennen. Statt dessen vergleiche ich mich unbewusst mit anderen, „erfolgreichen“ Menschen und stelle an mich selbst derart absurd hohe Erwartungen, dass ich gar nicht anders kann, als immer und immer wieder zu scheitern und zu versagen, so, wie ich es von Kindheitstagen an gelernt habe.

Es ist ein ausgesprochen trauriges Phänomen, dass all die negativen Erfahrungen in meinem Leben so viel nachhaltiger und wirksamer sind, als die bestärkenden und schönen, die ich auch zuletzt immer wieder machen durfte. So werde ich als Mensch und Gesprächspartner, als Zuhörer, von vielen Menschen sehr geschätzt, wegen meiner Tiefe, meines Humors, meiner seelischen Reife, meiner Warmherzigkeit, Zugewandtheit und Ehrlichkeit. Gleiches gilt für meine Poesie und für meine Kreativität, die etliche Menschen ganz tief berühren, erfreuen und sogar trösten. Ich selbst jedoch vermag diese zahlreichen Erfolge und Bestätigungen kaum wahrzunehmen und anzunehmen, genauso wenig wie echte Zuneigung und liebevolle Zuwendung.

Doch trotz all dieser Widersprüche, meiner seelischen Narben und meiner inneren Zerrissenheit, scheint sich in mir ganz allmählich etwas zu verändern. Denn nicht nur meine Stärken werden mir allmählich bewusster, sondern es ist auch der immer stärker und präsenter werdende Wunsch in mir, allen Hindernissen und inneren wie äußeren Einschränkungen zum Trotz, aus dem was ich habe und bin, allein mir zuliebe, etwas zu machen und zu verändern: nämlich mein Leben so zu führen und zu gestalten, dass es mir fortan gut geht. Was genau es dafür braucht, und welche Schritte ich dorthin unternehmen muss, damit werde ich mich im nächsten Text ganz ausführlich beschäftigen.