Auf der Suche nach dem „Ich“: Symptome der Borderline-Entwicklungsstörung

Auf der Suche nach dem „Ich“: Symptome der Borderline-Entwicklungsstörung

22. November 2023 0 Von Eckhard Neuhoff

Ein sehr dominantes und das eigene (Er)Leben immens beeinträchtigende und behindernde Symptom der Borderline-Entwicklungsstörung ist eine äußerst unsichere und instabile, leicht von außen zu beeinflussende Selbstwahrnehmung, die beinah zwanghaft immer wieder auf unruhig quälende Weise zu der alles Weitere überdeckende Frage führt: „Wer bin ich eigentlich?“ Oder anders formuliert: „Was genau macht mich als Individualität, als Eckhard aus?“ „Welche einzigartigen, wirklich individuellen Eigenschaften und Stärken trage ich in mir?“ Oder auch: „Was bleibt von mir, meinen eigentlichen „Ich“ übrig, wenn ich mich sämtlicher Glaubenssätze, Vorstellungen und Wahrnehmungen entledige, die mir in Bezug auf mich und meine zum Teil nur vermeintlichen Eigenschaften, Eigenheiten und Begabungen im Laufe meines Lebens von anderen Menschen „eingeimpft“ wurden? Schon allein bei der Formulierung dieser Fragen bemerke ich, wie schwer es mir fällt, dasjenige überhaupt präzise in Worte zu fassen, es überhaupt zu „er-fassen„, was sich schon länger als ein dumpfes und beängstigendes, trauriges Empfinden von innerer Leere, einem äußerst vagen „Fehlen“ und Unvollständigkeit in mir geformt hat: das schmerzliche Vermissen meines Selbst und die bisher vergebliche Suchen danach. „Was macht mich aus?“ Und: „Wer bin ich„?

Auch wenn es mir inzwischen ganz gut gelingt, eine Liste von Eigenschaften und Interessen zu erstellen, die ich mir selbst als für mich stimmig zuschreiben kann, bleibt es dennoch eine rein formale Liste, die sich auf merkwürdig traurige Weise abstrakt und oberflächlich anfühlt, und die keinerlei wirklich tiefe, emotionale Verbindung zu meinem „Ich“, zu mir selbst hat. Denn allein schon bei der Frage nach dem, was „ich“ wirklich möchte, nach meinen wahren Leidenschaften, oder nach meinen persönlichen Zielen im Leben, gerate ich ins Schleudern und muss ehrlich antworten: Ich weiß es nicht! Ich habe davon keinerlei konkrete Vorstellung und keinerlei konsistentes Gefühl dazu.

Schon sehr oft und intensiv habe ich mich mit der für mich äußerst zwiespältigen und zeitweise nur schwer erträglichen Widersprüchlichkeit sowohl meines Eigenerlebens, als auch meiner zum Teil polarisierenden Außenwirkung auseinandergesetzt. Und auch diese Divergenzen haben dazu beigetragen, dass meine Selbstwahrnehmung und mein Zugang, meine innere Haltung zu mir selbst, mir keine wirklich gewachsene Konsistenz, keinen festen Grund bieten, auf denen ich mich sicher bewegen kann, und der mich in meinem Leben und Erleben, meinem Fühlen, Denken und Handeln, verlässlich und dauerhaft trägt. So fühle ich mich fast durchgängig zutiefst verunsichert und als ein ständig so ziellos wie sehnsüchtig Suchender und Getriebener, der schon nach so manchem trügerischen Strohhalm gegriffen hat; nur um über lang oder kurz feststellen zu müssen, dass auch er mir keinerlei dauerhaften Halt oder Orientierung zu bieten vermag.

So hat sich im Laufe der Zeit in mir die Überzeugung gebildet, dass ich die Antworten auf all meine Fragen, meine mir bisher verborgenen gebliebenen Wünsche, Ziele und Sehnsüchte, letztlich nur –und vollkommen unabhängig von anderen Menschen- in mir finden kann. Doch beißt sich an dieser Stelle die sprichwörtliche Katze in den Schwanz: Denn ohne „Ich“ gibt es diesen Ort auch nicht, von dessen realer Existenz ich dennoch fest überzeugt bin.

Was also kann ich tun? In meinen Meditationen gelingt es mir gelegentlich, eine Ahnung davon zu bekommen, dass es irgendwo in mir einen Anteil, vielleicht eine Art „Zentrum“ gibt, das tatsächlich eins mit sich ist, und mir ein Gefühl, ein Empfinden, von Frieden, Geborgenheit, innerem Halt und vollkommener, ruhiger Stimmigkeit zu vermitteln sucht. Doch ist seine Stimme so leise, dass ich sie kaum wahrzunehmen vermag und sie nur selten zu den anderen, ungleich lauteren und dominanteren Anteilen in mir durchzudringen vermag. So mag es vielleicht darum gehen -auf welche Weise auch immer – dieser Stimme mehr Geltung zu verleihen, sie zu stärken und zu lernen, ihr noch achtsamer zu lauschen, um ihr endlich mehr Vertrauen schenken zu können.

Wenn sämtliche seelische Narben, alle tief verwurzelten, das Ureigene manipulierende und verzerrende Glaubenssätze, sowie sämtliche das Bewusstsein und das Verhalten geprägt und belastet habende „negative“ Erfahrungen und Gefühle (Angst, Wut, Zweifel, Traurigkeit, etc.) nicht vorhanden wären, was bliebe übrig oder käme zum Vorschein? Diese Fragestellung und die Suche nach einer umfassenden, wirklich konsistenten Antwort sind für die Suche nach meinem „Ich“, dem Kern und Zentrum meiner Individualität, von zentraler Bedeutung. Und gleichzeitig ergeben sich daraus weitere bedeutsame Fragen: Habe ich womöglich trotz all dieser schwerwiegenden und anscheinend dominanten Prägungen auch jetzt noch die vollständig freie und vollkommen unbegrenzte Wahl, wer und wie „ich“ sein und mein jetziges Leben gestalten und ausrichten möchte? Oder bilden sämtliche bisherigen Erfahrungen und Erlebnisse eine Art begrenzendes Fundament, das meine Wahl-und Entscheidungsfreiheit am Ende doch einschränkt; auch weil ich als Mensch sowohl evolutionären, wie auch biologischen und womöglich auch kosmischen Gesetzen unterworfen bin? Sind es am Ende vielleicht doch „Schicksal“ und „Bestimmung“, die mein weiteres Sein und Werden, mein Befinden, meinen Lebensweg und meine Entscheidungen und Begegnungen unabänderlich beeinflussend lenken?

Je mehr ich mich auf diesen „Fragenbaum“ einlasse und mich ihm erstmals umfassend zuwende, desto kleinteiliger verästelt er sich und gebiert ständig neue, in unbekannte Tiefen führende Fragen: Welchen meiner Eigenschaften möchte ich künftig mehr Geltung, mehr Präsenz verschaffen? Was benötige ich an Eigenschaften, Qualitäten und „Zubehör“, um wirklich zufrieden und entspannt leben zu können? Welchen mich erfüllenden Tätigkeiten und Interessen möchte ich aus ganzem Herzen nachgehen? Was für Menschen möchte ich künftig um mich haben, um mit ihnen in einer stabilen, angstfreien und von gegenseitiger, echter Wertschätzung und gegenseitigem Interesse geprägten Verbindung zu sein? Die an dieser Stelle aufgeworfenen Fragen münden letztlich in einer Frage: Was tut mir gut?

Jenseits dieser zahlreichen, noch unbeantworteten Fragen kristallisieren sich allmählich eine Handvoll wiederkehrender Themen heraus, denen ich mich hauptsächlich in meinen Meditationen zuwende: Vergebung, Beziehungen, Stille, ganz zur Ruhe kommen und üben, mir aufmerksam zuzuhören.

Obwohl es so zahlreiche Fragen und Themen sind, die mich zur Zeit beschäftigen und bisweilen auch überfluten, habe ich dabei trotzdem das sichere Empfinden, auf dem richtigen Weg zu sein. Denn seitdem ich dies tue, fühle ich mich wesentlich klarer, leichter und sicherer. Es ist das Empfinden, endlich meiner Wahrheit auf der Spur zu sein. Und das tut unendlich gut!

Doch nur ganz allmählich, und nur in innerlich tatsächlich ruhigen und von Achtsamkeit geprägten Momenten gelingt es mir überhaupt, mir einiger flüchtiger Mosaiksteinchen meiner äußerst vielschichtigen und zum Teil sehr widersprüchlichen Persönlichkeit bewusst zu werden, ohne sie jedoch wirklich greifen, sie miteinander sinnvoll zu verknüpfen, und mit ihnen in eine echte, tiefgreifende Verbindung treten zu können. Fast scheint es mir, als ob sich dieser „Kern“ meinem Bewusstsein und meiner Aufmerksamkeit immer wieder in voller Absicht entzöge. Wie ein nasses und glitschiges Stück Seife, das einem immer wieder aus der Hand flutscht, kaum dass man versucht, es festzuhalten.

Jedoch ungeachtet dieses bisweilen äußerst ermüdenden und anstrengenden seelischen Versteckspiels: „Etwas“ in mir ist sich permanent – und aller gelegentlichen Frustration zum Trotz – der großen Wichtigkeit dieser inneren Reise bewusst und hält mich gewissermaßen „in der Spur“. So mag vielleicht eine meiner Eigenschaften darin bestehen, sinnstiftende seelische Verknüpfungen kreieren zu wollen, für den eigenen Seelenfrieden.