Begegnung und Miteinander als Weg der (Selbst)Erfahrung

Begegnung und Miteinander als Weg der (Selbst)Erfahrung

5. Mai 2022 0 Von Eckhard Neuhoff

Gibt es tatsächlich ein “Zuviel” an Zuneigung, Zuwendung, Bestätigung, Annahme und Aufmerksamkeitein Zuviel von Liebe? Bis vor Kurzem wusste ich nicht einmal, dass sich mir eine solche Frage überhaupt stellen kann und ich mich mit ihr würde auseinanderzusetzen haben.

Im Verlauf der letzten zwei, drei Jahre habe ich auf der Suche nach echter, tiefer Begegnung und Partnerschaft etliche Begegnungen erlebt, die Eines gemeinsam hatten: es mangelte ihnen von beiden Seiten an echter Bereitschaft, sich ganz aufeinander einzulassen, sich dem Gegenüber völlig zu öffnen und, sie waren allesamt von einer übergroßen Euphorie meinerseits geprägt. Insbesondere war es diese Euphorie, die mich sehr schnell dazu verleitete, sämtliche inneren Warnsignale zu missachten und zu ignorieren, die Bodenhaftung zu verlieren und meine sämtlichen Sehnsüchte nach den oben genannten seelischen Qualitäten in diese eine Begegnung hinein zu projizieren. Doch aufgrund meiner eigenen damaligen inneren Verfasstheit, dem Stand meiner inneren Entwicklung, Genesung und Reifung, zog ich immer wieder Menschen in mein Leben, die mir punktgenau diese innere Verfasstheit – meine Unsicherheit, meine Verlustängste und mein fehlendes Selbstvertrauen – spiegelten und mir auf diese Weise zeigten, woran ich in mir noch zu arbeiten hatte.

Übergroße Euphorie – so mein persönliches Erleben – ist ein Hinweis auf ebenso große, unerfüllte Sehnsüchte und Verlangen; wie auch ein Hinweis auf das starke Empfinden von Einsamkeit und den Wunsch, diese hinter sich lassen zu können. Bin ich mir selbst nicht genug und “brauche” ich einen anderen Menschen in meinem Leben, um mich ganz zu fühlen, oder gar, um meine seelischen Wunden und Defizite heilen zu können, dann ist eine solche Begegnung immer zum Scheitern verurteilt.

Jede dieser vergangenen Begegnungen, auch wenn sie noch so schmerzhaft war, hat mich sehr viel über mich gelehrt und mir Aspekte meines Wesens offenbart, von deren Existenz ich bis dahin keinerlei Vorstellung hatte. Und ich habe aus ihnen sehr eindrücklich gelernt, welche Aspekte, Konflikte und Eigenschaften ich in einer Beziehung niemals mehr erfahren und erleben möchte. Somit bin ich an diesen Erfahrungen innerlich gereift, habe an Erfahrung gewonnen, und blicke ausnahmslos dankbar, ohne Groll und in Frieden auf diese Begegnungen zurück.

Aus der Summe dieser unterschiedlichen Begegnungen und den mit ihnen verbundenen Menschen habe ich für mich die Überzeugung gewonnen und verinnerlicht, dass keine dieser Begegnungen sich “zufällig” ergeben hat, sondern ausnahmslos von einer höheren Intelligenz herbeigeführt und begleitet war, damit beide Beteiligten daraus etwas über sich lernen und erfahren konnten. Wenn es denn tatsächlich so ist, dann war auch meine jüngste Begegnung eine dieser “Lern- und Erfahrungsaufgaben”; wenn auch auf eine mir völlig neue und in ihrer Intensität und Eindrücklichkeit einmalige Weise. Denn diese Begegnung ist es, die mich zu den eingangs gestellten Fragen geleitet hat und mich dazu führt, ihnen nachzugehen.

Diese jüngste Begegnung war von Beginn an geprägt von sehr viel Nähe, ungewöhnlicher Vertrautheit, Wahrhaftigkeit, und einer großen, gegenseitigen Offenheit, die ich allesamt in dieser Selbstverständlichkeit und Intensität niemals zuvor erlebt habe. Es schien so, als ob sich auf ein Mal meine sämtlichen Wünsche, Ideale und bis dahin unbewussten Vorstellungen von einer tiefen und innigen, liebevollen Partnerschaft in diesem einen Menschen verkörperten. Doch gleichzeitig (und damit viel eher als sonst) hatte ich in mir eine immer lauter werdende Stimme, die mich zur Vorsicht mahnte und mir nahelegte, diesen intensiven und außerordentlich rasanten Prozess des sich Kennenlernens und einander Annäherns zu entschleunigen und die Euphorie und Begeisterung meines Gegenübers sanft, aber bestimmt zu bremsen. Doch erst im Rückblick und nach einem radikalen, dennoch wohl überlegten Schnitt, war ich dazu imstande, diese für mich von Beginn an undefinierbar und undeutlich zwiespältige und mir latent Unwohlsein, innere Unsicherheit und große innere Unruhe bescherende Atmosphäre zwischen uns überhaupt zu benennen: Ich war seelisch vollkommen überfordert, fühlte mich von den starken Empfindungen meines Gegenübers “überrollt”, zu sehr vereinnahmt und bekam große Angst davor, mich, mein Empfinden von und mein Bedürfnis nach Sicherheit, mein seelisches Gleichgewicht, sowie meine Bodenhaftung zu verlieren.

Ich beginne gerade erst damit, diese Begegnung für mich zu verarbeiten und ganz allmählich zu erkennen, was genau mit mir geschehen ist. Dabei ist es mir wichtig zu betonen, dass es keinerlei Schuldzuweisungen oder ein Zurückweisen meiner eigenen Verantwortlichkeit für mich, meine Empfindungen, Erfahrungen und mein Wohlergehen gibt. Denn ich habe, wenn zunächst auch unbewusst, diese Erfahrung gesucht und mich auf sie eingelassen. Danke dafür!