Depression und Spiritualität (2. Teil)

Depression und Spiritualität (2. Teil)

22. August 2022 0 Von Eckhard Neuhoff

Mit seelischen Verletzungen und Narben leben

Der überwiegende Teil meiner Kindheit und Jugend, sowie ein langer Zeitraum meines Lebens als Erwachsener, waren bestimmt und gravierend geprägt von zahlreichen seelischen Verletzungen, die sich in einer umfassenden Lebensunsicherheit, Ziellosigkeit, permanenter Überforderung und großen Ängsten vor erneutem Scheitern im Berufsleben und in nahezu sämtlichen Beziehungen manifestiert haben. Ständig ruhelos und innerlich wie getrieben auf der Suche nach meinem Platz im Leben, meiner Aufgabe, meinem Daseinssinn, nach Sicherheit und Geborgenheit, war ich mit schweren und tiefen Depressionen unzählige Male in Therapie, und habe ich weltanschaulich nach fast jedem Strohhalm gegriffen – beseelt von dem Wunsch nach Normalität und Zugehörigkeit.

Ein erster Schritt diese Periode meines Lebens und das bis dahin Erlebte und Erfahrene aufzuarbeiten, war die sehr tiefgehende und gründliche Beschäftigung mit meiner Biografie und meiner seelischen Erkrankung durch das Schreiben meines ersten Buches “Grenzgänger. Autobiografische Fragmente und der Versuch ihrer Zuordnung” im Jahr 2016. Doch obwohl das Schreiben dieses Buches mir große Erleichterung und eine erste seelische Klärung verschaffte, und mir meine schriftstellerische Begabung, wie auch meine Liebe zur Sprache, sehr deutlich vor Augen geführt hat: die seelischen Narben sind mir dennoch bis zum heutigen Tag geblieben. Und sie begleiten und beeinträchtigen nach wie vor mein jetziges Leben.

Wie ich es schon im ersten Teil anfänglich beschrieben habe, befasse ich mich seit nunmehr fünf Jahren mit Spiritualität und Meditation, wobei ich hier keiner Religion und keiner festgefügten Ideologie oder Weltanschauung folge oder mich zugehörig fühle. Denn Religionen, vorgefertigte Ideologien und Weltanschauungen begrenzen nach meiner Überzeugung die Sicht auf die Welt und engen die Erfahrungsmöglichkeiten ein.

Mich damit zu beschäftigen und damit zu leben, hat mir und meinem Leben, trotz aller nach wie vor vorhandenen Ängste und Unsicherheiten, eine ganz neue Blickrichtung und Sinnhaftigkeit beschert. In guten Momenten erfahre und erlebe ich mich als Teil einer großen Gemeinschaft, der ich mich schicksalhaft verbunden fühle. Und in der Meditation erfahre und erlebe ich immer wieder beglückende Momente von größter innerer Ruhe, Sicherheit und Harmonie. Doch ungeachtet dieser uneingeschränkt schönen Erfahrungen und der damit einhergehenden und unbestreitbaren deutlichen Verbesserung meiner Lebensqualität, lebe ich noch immer mit ebenso deutlich spürbaren Ängsten und Unsicherheiten. Ich werde sie nicht los; genauso wenig wie die (wenn auch deutlich abgemilderten) depressiven Momente und Episoden, die mich zeitweise noch immer an mir und meinem Weg (ver)zweifeln lassen und mich in den völligen Rückzug zwingen.

Dennoch gibt es einen deutlich spürbaren Unterschied zu den früheren Jahren: Trotz der Wucht und Unmittelbarkeit dieser Episoden seelischer Dunkelheit, erlebe ich mich inmitten dieser “Stürme” als deutlich gelassener und entspannter als früher. Denn zeitgleich zu diesen Erfahrungen bin auch – geschult durch die regelmäßige Meditation – ein nicht wertender Beobachter dessen, was in und mit mir gerade geschieht. Es scheint, dass ein Teil von mir von all dem gänzlich unberührt und unbeschädigt ist; ein Teil meines Wesens, der größer ist als ich.

Fortsetzung folgt.