Depression und Spiritualität (1. Teil)

Depression und Spiritualität (1. Teil)

18. August 2022 2 Von Eckhard Neuhoff

Illusion und Wirklichkeit

Seit nunmehr gut fünf Jahren beschäftige ich mich sehr intensiv und nahezu ausschließlich mit dem, was ich meinen “Inneren Weg” nenne. Und dabei gerate ich immer wieder – wie auch jetzt – in Situationen von denen ich glaubte und sehnsüchtig hoffte, sie durch meine Fokussierung auf “Spiritualität”, Gewahrsein und Achtsamkeit, endgültig hinter mir gelassen zu haben. Es sind nämlich Situationen, deren Heftigkeit und Unmittelbarkeit mich jedes Mal aufs Neue in meinen Grundfesten erschüttern und alles vermeintlich bis jetzt Erreichte, meine sämtlichen “Gewissheiten” und “Erkenntnisse” in Bezug auf mich, die Sinnhaftigkeit meines Lebens und meine vermeintlichen Überzeugungen, grundlegend in Frage stellen. Denn anstatt, dass mich mein spiritueller Weg zur von mir so lang ersehnte innere Stabilität, Sicherheit und dauerhaften Seelenfrieden geleitet, führt er mich mit schöner Regelmäßigkeit an die dunkelsten und für mein Empfinden wahrhaft existentiell bedrohlichen seelischen Abgründe, mitten hinein in eine tiefe Depression, in der von all dem nichts mehr übrig bleibt.

Aus meiner langjährigen Erfahrung mit diesen dunklen seelischen Zuständen weiß ich, dass eine Depression zumindest in meinem Fall davon herrührt, dass ich mich über einen längeren Zeitraum hinweg selbst seelisch komplett überfordert habe, bis zu dem Punkt, an dem ich meine zahlreichen tiefen und äußerst nuancierten Gefühle und Empfindungen nicht mehr aushalte, sie nicht mehr kontrollieren, einordnen und wahrnehmen kann. Derart überflutet, weiß mein inneres System keinen anderen Rat mehr, als mich komplett von all dem “abzuschirmen” und mich in einen vollständigen Rückzug von allen Menschen und von sämtlichen sozialen Interaktionen zu zwingen. Damit ist für mich auch überdeutlich erkennbar, dass ich in all der Zeit zu wenig darauf geachtet habe, was mir tatsächlich entspricht und gut tut; und, dass meine “Spiritualität” auch immer zumindest ein Stück Flucht vor meiner eher tristen, von finanzieller Armut, zu wenig Aktivität, und mir in Wahrheit sehr fehlenden, schmerzlich vermissten, erfrischend “normalen” sozialen Kontakten und Freundschaften geprägten Lebenswirklichkeit ist. Die damit gleichzeitig einhergehende völlige Kraftlosigkeit, Ziellosigkeit und Orientierungslosigkeit sind gewissermaßen nur das “Sahnehäubchen”, um das erneute Scheitern an den eigenen Wünschen, Hoffnungen und Erwartungen vollständig zu machen.

Sich mit Spiritualität, mit Karma, Persönlichkeitsentwicklung und bisweilen auch nahezu zwanghafter Sinnsuche zu beschäftigen, kann (so wie bei mir) dazu führen, das wirkliche, ganz normale Leben im Hier und Jetzt völlig aus dem Blick zu verlieren, sich ihm nach und nach immer mehr zu entziehen, und in einer ganz eigenen Blase zu leben, sich die Realität “zurecht zu biegen”. Und, mal ganz ehrlich: Was “bringt” ein auf Spiritualität und Kontemplation ausgerichteter Lebenswandel, der im Hier und Jetzt und in Bezug auf tiefsitzende seelische Traumata keinerlei dauerhaft heilende und grundlegend verändernde Auswirkungen hat, bzw. die alltägliche Mühsal, die Eintönigkeit, sowie die seelischen Narben und Schwächen letztendlich sogar verleugnet? Immer mehr muss ich mir tatsächlich eingestehen, dass es für die meisten meiner seelischen Brüche, Zwiespältigkeiten, Ungereimtheiten und Schwächen im Hier und Jetzt keine wirklich konsistente und mich im Innern tragende Erklärung gibt, die mir in Begegnungen und Gesprächen dabei hilft, mich nicht doch verletzt, beschämt oder völlig verunsichert zu fühlen.

Die vollständige “Heilung” oder “Befreiung” von den in meiner Kindheit und Jugend erlittenen und mich zutiefst geprägt habenden seelischen Verletzungen, wie Missbrauch, Ausgrenzung, Liebesentzug und Ignoranz herbei zu hoffen, oder sie gar aufgrund der eigenen kräftezehrenden Bemühungen zu erwarten, ist mein wohl grundlegendster Irrtum oder Irrglaube. Schon zu oft war ich der Ansicht, Traumata endgültig “aufgearbeitet”, oder mich von ihnen “befreit” zu haben, nur um bei fast jeder neuen Begegnung oder in einer neuen Beziehung mit immenser Wucht erneut auf sie gestoßen zu werden, jedes Mal mit größtmöglichem Schmerz und wiederholter, bitterer Enttäuschung, gänzlich ungeachtet meiner vermeintlich “spirituellen” Praxis und Lebensweise. Alles was ich bisher für Gewissheit hielt, zerrinnt mir in diesen Momenten wie Sand zwischen den Händen, löst sich in Staub auf. “Geheilt” oder “erlöst” ist da Garnichts!

Fortsetzung folgt.