Leseprobe “Entwicklungsstufen”

Früher
Früher habe ich die Erfahrung gemacht,
dass er lächerlich ist
über Gefühle zu sprechen.

Ich wurde verspottet
höhnisch belächelt
wenn ich von Liebe sprach.

So lernte ich,
dass Gefühle nichts
Ernstzunehmendes sind –
dass man sie besser unterdrückt
und nicht zulässt.

Heute hingegen
bin ich froh und dankbar
empfinden zu können
und auch darüber zu sprechen.

Es befreit
und es macht mich
für meine Mitmenschen wahrnehmbarer.

Und dennoch kostet es
mich jedes Mal
ungeheuer viel Kraft und Mut
über meinen Schatten zu springen
und mich zu offenbaren.
Denn das Gelächter in meinen Ohren
klingt noch immer nach.

Veränderung
Gefühle sind
keine statische Größe –
wie Wellen ändern sie
ihre Wucht und Unmittelbarkeit

Und wie sie
werde ich
allmählich ruhiger
wenn der Sturm sich gelegt hat

Kann sie betrachten
und sogar willentlich beruhigen
denn ich habe erkannt:
Das Schöne und Einzigartige
unserer Begegnung
ist es Wert bewahrt zu werden

Ich genieße jeden Moment
koste ihn aus und bewahre ihn mir
für schlechte Zeiten und fasse
die Erkenntnis, dass echte
tief empfundene Freundschaft
absolutes Vertrauen
liebevolles Miteinander
sich nicht nur durch das eine
große und drängende Wort
erklären lassen

Oder
dass Liebe sich nicht immer
in totaler Erfüllung
ausleben kann und muss
und trotzdem das Schönste sein kann
das mir je widerfahren ist

Leidenschaft
Verletzbarkeit ist der Preis,
den ich bereit sein muss dafür zu zahlen
wenn ich mich Menschen
ohne jeden Vorbehalt öffnen möchte

Und manchmal durchfährt es mich
mit voller Wucht
und ich zweifle daran
den richtigen Weg gewählt zu haben

Um wieviel einfacher wäre es
weiterhin das unbedarfte
stumpfe Leben der letzten Jahrzehnte
zu führen
mich gänzlich zu verschließen?

Aber weniger Schmerz
und weniger Leid bedeuten
auch weniger Freude
weniger Leidenschaft
weniger Verlangen
Weniger LEBEN

Und ich spüre
dass ich nicht länger bereit bin
mich mit weniger
zufrieden zu geben