Leseprobe “Grenzgänger”

Kindheitssplitter und erste Konflikte

Splitter entstehen, wenn Dinge zerbrechen. Geht man unachtsam mit ihnen um, kann man sich an ihnen verletzen. Und sind sie weit verstreut, lassen sie sich auch nicht mehr zu einem Ganzen zusammensetzen. Sie bleiben, was sie sind: Bruchstücke.

Die eigene Kindheit und Jugend mit einem solchen Vergleich zusammenfassend zu beschreiben, lässt nichts Gutes erahnen. Tatsächlich habe ich mich bislang immer davor gescheut, einen allzu intensiven Blick auf diese Zeit zu werfen; aus Angst vor neuen Verletzungen und vor der sprichwörtlichen Büchse der Pandora, die, einmal geöffnet, ihr gesammeltes Unheil unaufhaltsam überall verbreitet.

Auf diese Weise habe ich über zwei Jahrzehnte gelebt, oder auch nur überlebt – mit der festen Gewissheit, eine schöne und harmonische Kindheit gehabt zu haben. Von anderen Menschen ob meiner von ihnen erlebten Andersartigkeit geäußerte Zweifel an dieser schönen Hypothese, wies ich immer mit großer Vehemenz und Empörung, und vielleicht auch aus einer undefinierbaren Angst heraus zurück.

Die menschliche Seele verfügt erstaunlicherweise über eine Reihe von Schutzmechanismen, um sich vor zu traumatischen oder traurigen Erlebnissen zu schützen: Sie blendet sie einfach aus und kreiert eine unbeschwerte Gegenwelt, in der nichts mehr von dem Verstörenden zu finden ist.

Natürlich ist keine Kindheit nur schön oder nur schlecht. Schönes mischt sich mit Schlechtem, und selbst quälende Erlebnisse haben manchmal einen gänzlich unbeschwerten Kern. So habe auch ich gerade aus meinen frühen Jahren durchaus schöne und unbeschwerte Erinnerungen an Spielkameraden, mit denen ich ganze Nachmittage durch die Umgebung streifte und kindliche Abenteuer erlebte. Auch erinnere ich mich an schöne Gespräche, wundervoll gestaltete Jahresfeste, unbeschwerte und spannende Familienurlaube, sowie ausgelassene Kindergeburtstage und innige Sandkastenfreundschaften im Kindergarten. Nicht zuletzt waren da auch noch meine beiden älteren Geschwister, von denen zumindest mein Bruder mich nach meiner Erinnerung mit sehr viel Liebe und Aufmerksamkeit bedachte, mir einen Sandkasten baute, mich das Fahrradfahren lehrte und vieles mehr.

Die ersten feinen Risse in der scheinbaren Unbeschwertheit meiner frühen Jahre traten auf, als meine Geschwister kurz hintereinander von Zuhause auszogen. Meine Schwester erzählte mir später, dass ich mich von diesem Moment an veränderte. Ich entwickelte starke Verlustängste und schlief des Nachts so unruhig, dass meine Eltern mich zu sich ins Bett holten. So wurde ich, zunächst unbemerkt, zu einem ängstlichen und unsicheren Kind, das sich gegenüber anderen Kindern nicht zu behaupten wusste, und somit zur regelmäßigen Zielscheibe für Streiche und massive Einschüchterung wurde.

Ich musste sehr früh die Erfahrung machen, dass Kinder sehr grausam sein können, wenn sie Ihresgleichen als schwach und beeinflussbar erleben. Auf diese Weise machte ich mich selbst sehr früh zum willfährigen und bereitwilligen Opfer von aus heutiger Sicht rüpelhaften und bisweilen brutalen Nachbarskindern, denen es Spaß bereitete, mich zu quälen, zu verspotten und zu bedrohen; aber deren Gesellschaft ich trotz allem immer wieder suchte, um überhaupt Spielkameraden zu haben.

Ich war auf dem Weg, ein Außenseiter zu werden, mit dem kaum ein Kind befreundet sein mochte, und der sich, aus Angst vor Übergriffen durch andere Kinder, zunehmend selbst isolierte, und lieber für sich blieb. Ich wurde zum Bücherwurm und „Mamakind“ – für die anderen ein gefundenes Fressen.

Auch waren meine ersten bewussten Wahrnehmungen vom Ungleichgewicht in der Beziehung meiner Eltern geprägt: Da war auf der einen Seite mein Vater, der aus meiner Perspektive heraus dieser so wichtigen Rolle kaum gerecht wurde, weil ich ihn zu oft nur erschöpft und abgekämpft aus dem Büro nachhause kommen sah, nur um sich dann hinter einer Wochenzeitung zu verschanzen. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, ihn zu stören, um gemeinsame Zeit mit ihm einzufordern. Umso schöner und intensiver waren dann aber die längeren Wanderungen und Spaziergänge in der Umgebung am Wochenende, die er mit mir –sehr häufig ohne meine Mutter – unternahm. Trotz der schleichenden Entfremdung zwischen uns, erinnere ich diese sehr seltenen Begebenheiten als ungetrübt beglückend und entspannt.

Dennoch waren seine immer spärlicher werdenden und mir zunehmend resigniert erscheinenden Versuche, Nähe und Vertrauen zu mir aufzubauen, immer hilfloser und ungelenker, sodass unsere Beziehung zueinander eher oberflächlich und spröde blieb und mit den Jahren immer mehr von einer verlegenen Sprachlosigkeit bestimmt wurde. Aus heutiger Sicht muss ich mein Verhältnis zu ihm als auf traurige Weise ambivalent bezeichnen: Distanz in der Nähe und Nähe in der Distanz.

Und dann war da meine Mutter: Sie war bis an ihr Lebensende die dominierende und alles Familiäre bestimmende Person. Ihr Einfluss auf mich war von Anfang an groß – aus heutiger Sicht zu groß. Denn alle prägenden Eindrücke und Erlebnisse meines Heranwachsens sind untrennbar mit ihrer Gegenwart verknüpft; im Guten wie im Schlechten. Natürlich erinnere ich mich auch an viele schöne Erlebnisse mit ihr. Da waren die heimeligen Stunden am späten Nachmittag, in denen sie mir vorlas und wir eng aneinander geschmiegt im Sessel saßen. Oder ich sehe mich als Kleinkind weinend auf ihrem Arm, während sie mich liebevoll tröstete. Und nicht zu vergessen: Die vielen intensiven Gespräche über Gott und die Welt, bei denen ich das beglückende Gefühl hatte, dass sie auf alles eine Antwort wusste, und ich ihr ebenbürtiger Vertrauter war. Aber sie überschritt bei diesen Gesprächen immer häufiger eine unsichtbare Grenze, indem sie meinen Vater ins Lächerliche zog, sich selbst in seiner Gegenwart über seine Interessen lustig machte und ihn verspottete. So wurde beispielsweise aus seiner Mitgliedschaft im „Historischen Verein“ aus ihrem Mund die Mitgliedschaft im „hysterischen Verein“.

Noch heute schäme ich mich nicht nur zutiefst dafür, bei diesen perfiden Machtspielchen dabei gewesen zu sein, sondern auch dafür, meine Mutter dabei tatkräftig unterstützt zu haben, anstatt meinem Vater beizustehen, oder mich zumindest neutral zu verhalten. Auch wenn ich heute weiß, dass Kinder grundsätzlich alles dafür tun, ihren Eltern um jeden Preis zu gefallen, und es ihnen in jeder Lage recht zu machen, ändert sich nichts an meiner tiefen Scham darüber.

Diese verächtliche und spöttische Herablassung, gepaart mit einer immerwährenden, nörgelnden Unzufriedenheit, bestimmte zeitlebens das Verhältnis meiner Mutter zu meinem Vater. Er reagierte darauf mit Rückzug und Resignation, und verweigerte sich jeder Auseinandersetzung. Anstatt Klärung und Auseinandersetzung zu suchen, flüchtete er sich in seine eigene, kleine Welt, die aus seinen Büchern und seinem großen Interesse an Heimatgeschichte bestand. Dieses Verhalten, das ich wohl unbewusst als Schwäche und als außerordentlich peinlich wahrnahm, erwiderte ich mit zunehmender stiller Verachtung, nahm ihn nicht mehr ernst, und schloss ihn für sehr lange Zeit vollständig aus meinem Leben aus.

So beglückend für mich zunächst die tiefe Verbundenheit und die intensiven Gespräche mit meiner Mutter auch waren: mit ihnen wurde noch eine weitere Grenze überschritten: Anstatt ihren Mann, meinen Vater, an ihrem Seelenleben teilhaben zu lassen, und mit ihm über ihre Wünsche, Sorgen und Gedanken ins Gespräch zu kommen, sprach sie ausschließlich mit mir über diese Dinge. So ließ sie mich kleinen Jungen mehr und mehr in eine Rolle hineinwachsen, in der ich als eine Art Ersatz für ihren – nach eigenem, viel späteren Bekunden – ungeliebten Ehemann fungierte.

Auf diese Weise entstand schon sehr früh eine nahezu symbiotische Verbindung zwischen uns, wie sie – aus heutiger Perspektive – ungesünder und unangemessener nicht hätte sein können. Zusätzlich prägte dieses erlebte Ungleichgewicht zwischen meinen Eltern und ihr Umgang miteinander, sowohl mein späteres Rollenbild als Mann, als auch meine durch tiefe Unsicherheit und Ambivalenz bestimmte Sichtweise auf die Frauen, und beeinflusste damit auch meine späteren Beziehungsprobleme.