Schreiben als Prozess innerer Gewahrwerdung

Schreiben als Prozess innerer Gewahrwerdung

3. Mai 2022 2 Von Eckhard Neuhoff

Ich nehme wahr was ist und vertraue meiner Wahrnehmung.

Eckhard Neuhoff

Das journalistisch – ethische Motto des “SPIEGEL” Begründers und Journalisten Rudolf Augstein lautete “Sagen was ist!” Nun bin ich kein Journalist und vertrete ebenso wenig den Anspruch, politische Zusammenhänge durchblicken und darstellen zu wollen. Mein Schreiben bezieht sich ausschließlich darauf, seelische Themen und meditativ – kontemplative Einsichten, Erkenntnisse und Erfahrungen in Worte zu fassen, und diese Worte als durchweg liebevolle Anregungen und Impulse in die Öffentlichkeit zu bringen. Doch trotz der grundverschiedenen Ansätze, haben mich der journalistische Anspruch Augsteins und die ihr innewohnende klare ethische Haltung immer sehr beeindruckt und – im Rückblick betrachtet – wohl auch unbewusst beeinflusst.

Über innere Prozesse und Einsichten zu schreiben, ohne diese zu verallgemeinern und zur absoluten, allgemeingültigen Wahrheit zu erheben, ist nicht Jedem gegeben. Und es bedarf nach meiner Erfahrung verinnerlichter, aus wahrer und tiefer Selbsterkenntnis heraus gewachsener Stärke, sowie einer gewissen demutsvollen Grundhaltung, für sich anzuerkennen und zu spüren, dass die eigenen Erkenntnisse und Einsichten immer einer stetigen Veränderung und Weiterentwicklung unterworfen sind, und damit lediglich eine “Momentaufnahme” mit begrenzter Gültigkeit darstellen, die niemals für die Ewigkeit bestimmt sind.

Und doch findet sich zu dieser Einsicht eine für mich erstaunliche und mich zutiefst berührende Ausnahme: Wenn ich von Zeit zu Zeit meine Gedichte aus den letzten Monaten und Jahren betrachte, so entdecke ich neben den zahlreichen – aus der Distanz betrachtet – eher unvollkommenen und meiner damaligen Stimmung und dem jeweiligen Entwicklungsstand geschuldeten Versuchen, auch immer wieder einzelne Gedichte, die für mich tatsächlich einen Funken Ewigkeit in sich tragen. Selbst nach mehrmaligem Lesen und Hineinfühlen wirken sie auf mich – selbst wenn es anmaßend oder überheblich klingen mag – vollkommen. Sowohl ihr Sprachrhythmus, ihre innere Melodie, als auch ihre innere Botschaft haben für mich und auch für andere Menschen nichts von ihrer Aktualität und Stimmigkeit verloren.

Diese unerwartete Entdeckung stimmt mich einerseits zutiefst dankbar, aber sie bringt mich doch zu der Frage: Was ist an dieser Poesie, oder an meiner inneren Haltung beim Schreiben eines solchen Gedichtes anders als sonst? Beim Schreiben eines Gedichtes befinde ich mich auf innigere Weise als gewöhnlich mit mir selbst, meiner Seele oder meinem wahren Ich in Verbindung. Ich bin mir näher, spüre mich mehr, als im Alltag. Wenn ich jedoch aus stark euphorischen Gefühlen oder tiefer Trauer und Aufgewühltheit heraus – und damit ohne jede Bodenhaftung oder auch Erdung – schreibe, dann mag das daraus entstandene Gedicht zwar für den Moment stimmig sein und sich richtig anfühlen, weil es mich erleichtert und mir dabei hilft, zu verarbeiten. Aber es hat wegen der Flüchtigkeit und Unbeständigkeit dieser momentanen Empfindung nur eine kurze “Halbwertzeit”. Schreibe ich jedoch wahrhaft inspiriert aus innerem Frieden , tiefer Verbundenheit mit mir selbst und entspannter Gelöstheit heraus, dann atmet auch das daraus entstandene Gedicht diese friedvolle und umfassend harmonische, wesentlich beständigere Atmosphäre und “höhere” seelische Verfasstheit.

Meer der Stille

Ich tauche ein ins Meer der Stille
und fühle in mir Frieden, Fülle.
Verbunden bin ich mit dem Sein.
Ich bin im Frieden, ohne Pein.

In Stille finde ich mich wieder
und lausche dankbar ihrem Sinn.
Ihr Reichtum führt mich zu mir hin
und eint in mir die Seelenglieder.

Was einst zerbrochen macht sie ganz,
lehrt mich zu seh’n der Seele Glanz.
Sie schenkt mir Heilung, Dankbarkeit.
Den Weg zu geh’n, bin ich bereit.

©2022 Eckhard Neuhoff