Auf der Suche nach dem „Ich“: Selbstermächtigung, Grenzen setzen, ins Tun kommen

Auf der Suche nach dem „Ich“: Selbstermächtigung, Grenzen setzen, ins Tun kommen

27. November 2023 0 Von Eckhard Neuhoff

Meine Seele ist von tiefen Narben bedeckt. Von Narben, die andere Menschen ihr als tiefe Wunden zugefügt haben, als ich noch ein Kind war und mich nicht zur Wehr setzen konnte. Diese Narben schmerzen mich bis heute -mal mehr und mal weniger intensiv. Und sehr oft hindern sie mich noch immer daran, mich so so zu sehen und zu fühlen, wie ich in meiner Gesamtheit tatsächlich bin und vor allem auch sein möchte. Denn zusammen mit diesen Wunden wurden mir Eigenschaften und Glaubenssätze zugeschrieben, die mich glauben machten, ich sei ein schwacher und moralisch/ethisch fragwürdiger Mensch, den so zu lieben und zu akzeptieren eine (bisweilen allzu große) Herausforderung sei. Das alles hat meine Selbstwahrnehmung und mein Selbstbild massiv und nachhaltig beschädigt und hat verhindert, dass ich mich frei und ungehindert entwickeln konnte. Stattdessen war ich über Jahrzehnte in einem inneren, sehr finsteren Verlies, bestehend aus tiefer Scham, Traurigkeit und großer, gegen mich selbst gerichteter Aggression und Wut gefangen.

Doch trotz all dieser seelischen Hemmnisse und noch immer massiv wirksamen negativen Zuschreibungen von außen, werde ich mir meiner Stärken und Begabungen allmählich immer mehr bewusst. Gleichzeitig lerne ich gerade, meine Vergangenheit als unabänderlich zu akzeptieren und Frieden mit ihr zu schließen. Denn ich habe entschieden, dass weder sie, noch meine zahlreichen biografischen Brüche und die verschiedenen psychiatrischen Diagnosen, mich als Ganzes beschreiben und definieren. Sie alle sind lediglich ein Bruchteil dessen, was mich als „Ich bin“ beschreibt und ausmacht. Nicht länger lasse ich zu, dass meine Vergangenheit und meine seelischen Narben mein jetziges, heutiges Leben vollständig bestimmen und mich daran hindern, ein selbst bestimmtes Leben, ganz nach meinem eigenen Geschmack und nach meinen Vorlieben zu führen. Ich glaube, man nennt dies Selbstermächtigung.

Ganz in meinem individuellen Tempo und auf meine ureigene, ausschließlich selbst bestimmte Art und Weise, erobere ich mir mein Leben zurück. Weder ich selbst, noch meine Art zu leben, muss anderen Menschen gefallen; noch müssen sie verstehen oder wissen, aus welchen Gründen ich so bin und genauso lebe, wie ich es tue. Denn es ist mein Leben! Es ist ausschließlich an mir zu verstehen und vor allem zu akzeptieren, dass ich wegen meiner Vergangenheit und meiner Narben, bestimmte Einschränkungen und Grenzen in mir habe die es zu beachten gilt, und die weder ich selbst noch andere Menschen überschreiten dürfen. Denn dies dient meinem eigenen Wohlbefinden und meinem Schutz.

Mich selbst tatsächlich immer mehr und vollständiger zu akzeptieren und zu erlernen, für mein Wohlergehen zu sorgen und einzutreten, ist ein allmählicher und lang andauernder Prozess, der beinhaltet herauszufinden, was genau in meinem Leben ich benötige, damit ich mich mit mir und anderen Menschen wohlfühle und innerlich wie äußerlich entspannen kann und vollständig zur Ruhe komme. Dazu gehört auch, meine Sehnsüchte und Bedürfnisse nicht nur wahrzunehmen und kennenzulernen, sondern auch dafür zu sorgen, dass ich sie mir erfülle und sie damit anerkenne, sie mir damit zugestehe und ernstnehme, anstatt sie weiterhin zu verleugnen, sie als unangemessen und illusorisch zu betrachten und sie deshalb zu unterdrücken.

Für eine sehr lange Zeit waren die Begriffe „innerer Frieden“ und „zur Ruhe kommen“ für mich schier unerreichbare Sehnsuchtsorte -ein Abstraktum, das mit dauerhaftem Leben zu füllen, es wirklich zu fühlen, mir nicht möglich war. Stattdessen war ich (und bin es zum Teil noch immer) ein innerlich Getriebener und rastlos nach Zufriedenheit, Sinn und Erfüllung Suchender. Denn ich konnte mir keine wirkliche Vorstellung davon bilden, was genau ich eigentlich suche, und wie genau denn dieser innere Zustand sich anfühlt und was ich dazu benötige. Erst jetzt komme ich ganz allmählich dazu, zu erahnen und zu erfühlen, welche inneren wie äußeren Komponenten es für mich braucht, um dem nahe zu kommen. Für andere Menschen mag es sich vielleicht äußerst banal anhören; aber für mich sind es fürs Erste tatsächlich „einfache“ Veränderungen, wie eine mir gemäße Tagesstruktur, äußere Ordnung und Sauberkeit, sowie menschliche (seelische und körperliche) Nähe, regelmäßiger Austausch mit anderen Menschen, und die Beschäftigung mit Dingen, die mir wirkliche Freude und Genuss bereiten.

Dass es so viel Zeit gebraucht hat, um zu diesen Einsichten zu gelangen, erschreckt mich ein wenig und hinterlässt ein leises Gefühl von Traurigkeit in mir. Traurigkeit deswegen, weil es so schwer war, mich selbst und meine Bedürfnisse und inneren Notwendigkeiten zu erkennen und an den Punkt zu gelangen, ihnen Schritt für Schritt auch tatsächlich Geltung verschaffen zu wollen, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Andererseits ist es nie zu spät, um Veränderungen in Gang zu setzen, wenn man es wirklich möchte. Und ich bin jetzt soweit!