Mit Sprache arbeiten dürfen – Geschenk und Heilmittel

Mit Sprache arbeiten dürfen – Geschenk und Heilmittel

24. Januar 2024 0 Von Eckhard Neuhoff

Als Poet und gelegentlicher Blogger beschäftige ich mich sehr intensiv mit unserer Sprache in ihrer Tiefe, ihren Nuancen und ihrem schier unermesslichen Reichtum; nicht nur mit der achtsamen und sorgfältigen Auswahl der einzelnen Worte und Sätze, sondern auch mit deren Wirkung und Klang – ihrer Melodie. Jedes einzelne Wort hat nämlich seine ganz eigene Klangfarbe und Wirkung; jeder Satz seinen ganz individuellen, besonderen Rhythmus.

Sprache ist Energie

Sprache ist wesentlich mehr, als ein bloßes Mittel zum Austausch von Informationen. Sowohl das gesprochene, als auch das geschriebene Wort löst in uns unwillkürlich etwas aus, denn es schwingen Stimmungen und Absichten mit, als reine Energie – im Guten wie im Schlechten. Worte können uns Freude oder Kummer bereiten, uns aufmuntern, trösten und stärken; sie können Wunden heilen oder aufreißen- je nachdem, welche Intention der Sprechende oder Schreibende hat, und, wie feinfühlig und offen der Empfangende ist.

Doch nicht jedes Buch, jeder Text oder jedes gesprochene Wort wird bei allen Menschen etwas Gleiches auslösen. Manches lässt uns völlig unberührt, weil es unserer momentanen seelischen „Frequenz“ nicht entspricht, oder unpassend für unsere gegenwärtige Situation ist. In einem Gespräch reden wir dann aneinander „vorbei“. Und das Gedicht, der Inhalt des Buches, lassen uns völlig unberührt. Im Idealfall jedoch berührt uns ein Text, ein gesprochenes Wort tief in unserer Seele und schenkt uns wichtige Impulse und dem Guten dienende Anregungen für unser Leben und für unser inneres Wachstum. Sie „beflügeln“, schenken Freude, und sie tragen uns.

Schreiben und Sprechen als Weg zur Selbsterkenntnis und zur Genesung

Als ich in den Neunzigerjahren damit begonnen habe Gedichte zu schreiben, war dies eine wahre Offenbarung für mich. Mit einem Mal vermochte ich, in das verwirrende und unübersichtliche Dickicht meiner Gefühle und Gedanken Ordnung, Klarheit und Struktur zu bringen. Auch wenn diese Erkenntnis sich für mich damals noch nicht als dauerhaft oder nachhaltig erwiesen hat: Es war ein Samenkorn in mich gelegt worden, das in späteren Jahren dann zu meiner allmählichen inneren Heilung beitragen sollte.

Je länger und intensiver ich mich mit der Vielfältigkeit und Fülle von Sprache befasse, umso bewusster wird mir die schier unglaubliche Macht, die in ihr verborgen ist und welch große Verantwortung der Umgang mit Sprache in sich trägt. Denn Sprache kann auch konfrontieren und trennen. Neben diesen schmerzhaften Erfahrungen habe ich jedoch auch und immer mehr erleben dürfen, dass diese der Sprache innewohnende Kraft Eines sein kann: heilsam. Sowohl in zahlreichen Gesprächen, als auch durch mein schöpferisches Tun, durfte und darf ich immer wieder erfahren, dass Sprache inneres Chaos, Ängste und Traurigkeit tatsächlich zu lindern und zu trösten vermag, indem sie beruhigend, liebevoll und stärkend wirkt.

Die Verbindung von Sprache und Liebe

Wenn ich etwas mit, oder aus Liebe tue, dann verbinde ich mich mit dieser Tätigkeit, wie auch mit meinem Gegenüber, auf ganz intensive und einzigartige Weise: Ich werde in diesem Moment Eins mit ihm. Und ich tue dies in dem Bewusstsein, dass es ganz und gar freiwillig, aus mir heraus geschieht, ohne jeden Zwang und ohne, dass ich mich dazu von außen genötigt oder verpflichtet fühle. Denn wahrhaftige Liebe ist nichts anderes als Freiheit.

Was bedeutet das auf den Umgang mit Sprache bezogen? Es bedeutet liebevolles, mitfühlendes, intuitives und achtsames Formulieren, ohne mein Gegenüber mit aller Macht überzeugen, willentlich zu verletzen, oder in meine Denkrichtung drängen zu wollen. Es geht um gegenseitiges Verstehen, aufeinander einlassen und Akzeptanz der jeweils anderen und eigenen Individualität, in aller Freiheit und Wertschätzung. Dies gilt gleichermaßen für das Schreiben: nicht aufdrängen wollen und abspüren, was für die Lesenden womöglich hilfreich und stärkend sein kann. Auch das kann dann heilsam sein.

Es ist also letztendlich die Liebe, die überall dort ihre großartige Heilkraft entfaltet, wo wir uns bewusst und freiwillig mit ihr verbinden, sie zu unserem Leitstern machen, und so unser gesamtes Handeln von ihr leiten lassen und uns ihr anvertrauen. Und ich bin sehr dankbar dafür, mit Sprache und Poesie über ein Medium zu verfügen, mit dessen Hilfe ich dieses Leitmotiv der Liebe in die Welt tragen kann.