Sprache als Ausdruck der Seele: Vom Trauma zur Poesie

Sprache als Ausdruck der Seele: Vom Trauma zur Poesie

18. Dezember 2023 0 Von Eckhard Neuhoff

Meine ersten „Gehversuche“ beim Schreiben von Poesie reichen bis in die Neunzigerjahre zurück, als ich das erste Mal ganz unmittelbar den starken inneren Drang verspürte, meine Gedanken und Empfindungen niederzuschreiben. Und bis heute kann ich mich an dieses staunend-intensive Glücksgefühl erinnern, das mich damals beim Schreiben meines allerersten Gedichtes durchströmte, als ich auf diese Weise erstmals Zugang zu meinem Innersten bekam und Worte entdeckte, mit denen ich das was mich bewegt, beschreiben, nuanciert wahrnehmen und ausdrücken konnte. Dieses innige Glücksgefühl ist mir bis heute erhalten geblieben wenn ein Gedicht entsteht, die Worte nur so aus mir herausfließen und sich zu einem harmonischen, echten und in sich runden und stimmigen Ganzen formen und ordnen.

Das was mich innerlich bewegt und beschäftigt auf künstlerische Weise auszudrücken, es zu auf diese Weise zu offenbaren, fällt mir häufig wesentlich leichter als darüber zu sprechen, es einem lebendigen Gegenüber zu erzählen. Denn mich im Gespräch derart ehrlich und unverfälscht, so unmittelbar und „nackt“ zu zeigen, ist bis zum heutigen Tag mit seelischen Hemmnissen, großer Unsicherheit und Ängsten verknüpft. Das gilt selbst für Gespräche mit mir nahestehenden Menschen, denen ich eigentlich und grundsätzlich vertraue und die mich wirklich gut kennen. Bei genauerer Betrachtung ist es eine tiefsitzende Angst vor Zurückweisung, vor Unverständnis und deutlich formulierter Ablehnung, die noch immer aus lang zurückliegenden, aber dennoch äußerst präsenten Kindheitserfahrungen herrührt. Denn wie oft bin ich für das was ich empfand, fühlte und dachte, auch und gerade von meinen Eltern verlacht, ignoriert und zurückgewiesen worden, weil es sie nicht interessierte, oder womöglich auch überforderte und verunsicherte!

Die unmittelbare Folge dieser so verletzenden Erfahrungen war, dass ich mich schon als Kind von der Außenwelt immer mehr zurückzog und mich kaum noch mitteilen mochte. Ich verstummte. Und diese umfassende Verunsicherung und Hemmung manifestierte sich ungefähr ab meinem elften Lebensjahr in einer psychosomatischen Sprachstörung in Form einer linksseitigen Gesichtsmuskellähmung, die mir das freie und ungehemmte Sprechen nahezu unmöglich machte, und die in meinem täglichen (Er)Leben für noch mehr Spott, Ablehnung und Gelächter sorgte.

Auch wenn heutzutage von dieser mich über Jahrzehnte begleitenden Sprach-„Behinderung“ dank meiner intensiven inneren Arbeit kaum noch etwas übrig geblieben ist, und sie sich lediglich bei großer Müdigkeit und starker seelischer Erschöpfung oder innerer Aufgewühltheit überhaupt noch bemerkbar macht: Dieses latente Gefühl von Verunsicherung und die grundlegende Angst vor Ungeduld und Spott meines Gegenübers sind mir -wenn auch in stark abgeschwächter Form- bis heute erhalten geblieben, sodass ich mich gelegentlich noch immer davor scheue, andere Menschen im Gespräch von Angesicht zu Angesicht wirklich in meine Seele schauen zu lassen.

Angesichts dieser für mich ebenso prägenden wie traurigen und auch traumatischen Vorgeschichte, ist es mir mit der Zeit immer wichtiger geworden, sowohl im Gespräch wie auch beim Schreiben, so unmissverständlich, ehrlich und eindeutig wie möglich zu formulieren. Aus dieser inneren Notwendigkeit heraus, ist meine Arbeit mit Sprache zu (m)einem höchst individuellen und ausgesprochen eigenwilligen Weg der Achtsamkeit, wie auch des mich immer mehr Entdeckens geworden. Und womöglich waren es auch diese erschütternden frühen Erfahrungen, die mir diesen bewussten Zu-und Umgang mit Sprache, und meine tiefe Liebe und Verbundenheit zu und mit ihr, überhaupt erst ermöglicht haben. So ist Sprache zu meinem Instrument geworden, zu meinem ganz individuellen künstlerischen Ausdrucksmittel.

Warum allerdings ausgerechnet die Poesie zu meinem bevorzugten Ausdrucksmittel geworden ist, und mich auf solch einzigartige und umfassende Weise begeistert und derart tief im Innersten berührt und inspiriert, kann ich mir bis zum heutigen Tag nicht wirklich erklären. Allerdings ist mir im Laufe der Jahre immer deutlicher geworden, dass sie auf geheimnisvolle Weise zur bevorzugten Sprache und zu dem Ausdrucksmittel meiner Seele geworden ist. In ihr fühle ich mich geborgen und daheim – sicher und aufgehoben. Sie verleiht mir Flügel, mit deren Hilfe ich mich über die mir eigenen Untiefen, Ängste und Unsicherheiten erheben kann, und selbst in den dunkelsten Stunden meines Lebens das Schöne, Wahre und Gute erkennen, fühlen und zum Ausdruck bringen kann. Die Poesie bringt das Gute, Heile und Ewige in mir zum Vorschein – verbunden mit dem innigen Wunsch, es mit anderen Menschen zu teilen und auf diese Weise in Verbindung zu treten, mit euch und der Welt.

Herzenspoesie

Mit Poesie möcht’ ich berühren
und öffnen vieler Herzen Türen,
erwärmen sie mit lichten Worten,
geleiten sie zu and’ren Orten,
an denen Trost und Freud’ sich finden,
um Trauer, Schmerz zu überwinden.

Die Poesie die mir zu eigen,
sie möchte sich im Herzen zeigen,
in uns das Schöne strahlen lassen,
um unser Mensch-Sein zu erfassen.

Die Poesie, sie ist lebendig,
in meinem Herzen stark, beständig.
Sie spendet Wärme, Hoffnung, Licht,
das manchen Kummer so durchbricht.
Sie legt sich sanft auf Seelenwunden
und hat so manches Herz gefunden.

Drum ist sie mir ein großen Segen,
der hoffnungsvoll mir kommt entgegen,
und den von Herzen ich verbreite,
auf dass er Freude euch bereite!